Die Mobilitätslüge!

Kolumne

Das Auto zwingt die Gesellschaft, schneller zu arbeiten und zu leben. Das einzelne Individuum ermattet geistig und verschandelt sich körperlich.

Sind Autobesitzer faul?

Sind Autobesitzer faul? Eine bewusst provokative Frage. Ohne alle Autobesitzer pauschal in die gleiche Schublade zu stecken, möchte ihr hier einmal generell diskutieren: Was macht ein Auto eigentlich mit uns? Unweigerlich wirft sich damit die Frage auf, ob wir einer Mobilitätslüge auf die Schliche kommen.

Auto faul

Mit dem Auto ist es wie mit der Schokolade

Ist es nicht so wie mit der Schokolade im Schrank? Wenn wir wissen, dass welche da ist, dann essen wir sie auch. Würde sich keine Schokolade im Haushalt befinden, dann wäre die Versuchung danach auch nicht so groß. Ähnlich fahren wir häufiger mit dem Kfz, weil wir können und nicht unbedingt, weil wir müssen. Das Auto in der Garage ist quasi die Schokolade im Schrank. Das Auto verführt uns zu dessen Benutzung und damit auch zur Faulheit.

Die Illusion einer Bewegung

Statt zu gehen, den öffentlichen Verkehr zu nutzen oder Rad zu fahren, weichen wir auf die kurzfristige Gemütlichkeit des Autos aus. Genauer betrachtet, bewegen sich Autofahrende nicht wirklich von A nach B, sondern sie werden bewegt. Der Fahrer sieht Straßen-TV, hört nebenbei Fest & Flauschig und die Beifahrer schauen weiterhin auf`s Handy. Deshalb sitzen sie metaphorisch gesprochen, nach James P. Carse, immer noch in der Komfortzone fest, und zwar zu Hause auf dem Sofa.[1]
Die körperliche Fortbewegungsgeschwindigkeit wird mit dem Auto drastisch beschleunigt, sofern man diese räumliche Veränderung im Sitzen wirklich „Bewegung“ nennen möchte. Wir erfahren Bewegung, also neuromuskuläre Aktivität, dabei weder im authentischen Sinne, noch im harmonischen Verhältnis zu der Geschwindigkeit unserer Wahrnehmungsfähigkeit während der Fahrt. Damit ist das Missverhältnis gemeint, zwischen dem, was das Auge sieht und was das Gleichgewichtsorgan im Ohr an Lageveränderungen wahrnimmt. Ein Beispiel für ein harmonisches Verhältnis: Der wiederkehrende, rhythmische Herzschlag gibt ein natürliches Zeitmaß vor, an dem wir uns ausrichten. Daran gekoppelt ist beispielsweise das durchschnittliche Tempo des Gehens. Problematisch wird es, wenn solch ein Zeitmaß zu häufig überschritten wird. Bei der Arbeit am PC oder beim obigen Autofahrbeispiel entsteht derart ein Missverhältnis zwischen hohem Wahrnehmungsinput/ Datenverarbeitung und niedriger Körperaktivität. Es passiert so viel in den Sinnesorganen, aber wir sitzen die ganze Zeit.
Schließlich kann sich der Mensch in der modernen Fortbewegung oft gar nicht so schnell an den Ort anpassen, wie er verschoben wird. Bei sehr hoher Geschwindigkeit entsteht auf diese Weise der Jetlag. Doch,  nur weil man im Auto nicht direkt einen Jetlag bekommt, ist das Problem nicht aus der Welt. Es ist lediglich graduell abgestuft und entzieht sich unserer direkten Wahrnehmung.

[1] James P. Carse: Finite and Infinite Games. Free Press, New York 2013.

Die Mobilitätslüge

Ein Auto macht uns technisch schneller, doch nicht nur im positiven Sinne. Es füttert unser Denken in Kategorien wie Effizienz und Zeitmanagement. Ein weiterer Faktor, der uns drängt möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu schaffen. Die Gesellschaft zwingt sich schneller zu arbeiten und zu leben, das einzelne Individuum ermattet geistig und verschandelt sich körperlich.
Ja, klar sind Krankentransporte wichtig, aber „Hallo!“ dafür brauchen wir nicht die unzähligen Karren, welche ganzjährig halb auf den Gehwegen verschrotten. Das Teilen von Autos zwischen Stadtbewohnern kann zu einer immensen Reduzierung der gesamten Autozahl führen, denn die meisten 4-Räder stehen am Straßenrand herum und werden offensichtlich gar nicht gleichzeitig gebraucht. Nichtgenutzte Autos sollten daher soweit wie möglich gemindert und der Rest intelligent zur Verfügung gestellt werden. Dies stellt die sinnvollste Version dar, um die Vorzüge technischer Mobilität effektiv zu nutzen. Alles andere ist eine Mobilitätslüge. Denn das, was jeden potenziellen Autofahrenden tatsächlich mobil macht, ist nicht das Auto an sich, sondern die Fähigkeit damit fahren zu können. Der Besitz eines Autos macht Personen tendenziell abhängig und daher immobil. Frei nach dem Motto: „Alles was du besitzt, besitzt auch dich.“ Denn authentische Freiheit besteht nicht im Haben von Dingen, sondern im befähigten Sein, bekundete bereits Erich Fromm.[2]

[2] Erich Fromm: Haben oder Sein. Spiegel, Berlin 2007, S. 15, 34, 154.

Der Preis der Mobilität

Denke nur an die dauernde Parkplatzsuche, die jeden von uns schon mehrmals den letzten Nerv raubte. Okkupierende Parkplätze, teure Garagendecks sowie laute Verkehrskreuzungen könnten der Vergangenheit angehören und zu Orten für gemeinschaftliche Zwecke umgebaut werden, wie beispielsweise Gewächshäuser für eine autonome, städtische Lebensmittelversorgung. Wir könnten die Feinstaubbelastung und den schädigenden Lärmpegel des Stadtverkehrs drastisch reduzieren. Saubere Luft und ruhiger Lebensraum steigern deine Lebensqualität enorm. Denke außerdem an den ökologischen Fußabdruck, die hunderttausenden Liter Wasser zur Herstellung eines Kfz`s und die Nahostkonflikte, welche wir eindämmen könnten, wenn weniger Autos auf den Straßen fuhren. Überflüssige Kfz`s müssten dann nur recyclet werden.

Welche Lösungen gibt es?

Um mal mit dem Offensichtlichsten zu beginnen, können Bewohner von Städten mit guter Infrastruktur auf den öffentlichen Nahverkehr sowie Fahrradnutzung umsteigen. Zudem kennen wir mittlerweile alle Car-Sharing. Hier gibt es in den meisten Städten verschiedene Anbieter, die zudem einen Online-Rechner enthalten, über welche du erfährst, ab wie viel Kilometer im Jahr sich Carsharing für dich lohnt. Alternativ können sich auch zwei oder mehrere Freunde zusammen einen fahrbaren Untersatz teilen. Außerdem sollten wir versuchen, in der Nähe unserer Arbeitsstätten zu wohnen, dann sind wir auch nicht gezwungen lange Verkehrswege auf uns zu nehmen. Jedoch stelle ich mir persönlich etwas Attraktiveres vor, als so manche Arbeitsumfelder, in denen ich tätig bin. Darauf gibt es auch eine passende Antwort: Nach dem Erfinder der verkehrsberuhigten Zonen, Leopold Kohr, sollte eine Stadt in vereinzelte Kommunen aufgeteilt werden. Jede einzelne dieser Kommunen wiederum muss zusätzlich so attraktiv gestaltet werden, dass sie Wohn-, Arbeits-, gesellige Kultur-, Politikräume sowie Einkaufsmöglichkeiten sinnvoll und künstlerisch miteinander kombiniert. Dann würde es sich kaum noch lohnen, seinen Lebensort durch ein Verkehrsmittel zu verlassen, da vor Ort alle qualitativen Maßnahmen für ein menschenwürdiges Leben vorhanden wären. Womit gesagt wird, dass du zwar alle Freiheiten besitzt, überall hinzugelangen, nur wirst du eben weniger zu unnötigen Verkehrswegen verleitet. Im Vordergrund der Idee steht vor allem die Autonomie einzelner Stadtbezirke und deren Umgestaltung nach den Wünschen dortiger Bewohner. Diese Ansichten vertrat der praxisnahe Philosoph bereits in den 1960ern und bietet damit zugleich zukunftsweisende Lösungen auf die Klimaprobleme unserer Gegenwart.[3]
Dagegen hängen die Smart-City Vorstellungen heutiger Umweltämter noch viel zu sehr in der Komfortzone fest.

[3] Leopold Kohr: Probleme der Stadt. Otto Müller Verlag, Salzburg 2008.

Stadt der Zukunft

Glückliche Städte der Zukunft

Interessanterweise sehe ich gerade für Städte wie Rostock und Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern das größte Potential ihre Stadtarchitektur nach menschengerechten Maßen und der Schönheit des goldenen Schnittes auszurichten, bzw. umzumodellieren. Für die Stadtplanung müssten sich laut Kohr Künstler, Biologen, Psychologen und Architekten zusammensetzen, statt das Feld den matten Erzeugnissen einer herkömmlichen Stadtplanung zu überlassen. Die genannten Städte verfügen einerseits über eine vielfältige, naturbelassene Umgebung, andererseits über eine geringe Bevölkerungszahl, um entsprechende Umgestaltungen zu ermöglichen. In den nächsten 30 Jahren wird die deutsche Bevölkerung um eine beträchtliche Zahl sinken, weil uns die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsgeneration verlassen werden. Daher müssen sich Städte sowieso irgendwann verkleinern. Auf der anderen Seite erwartet Rostock aufgrund von Zuwanderung einen Bürgerzuwachs. Darum wird in der Hansestadt gerade ohne Ende gebaut, aber wirklich künstlerisch schön und den menschlichen Genius fördernd sind die Bauten der letzten Jahre nicht. Mit einem Spaziergang am Stadthafen kannst du dir dein eigenes Bild machen. Die neuen Wohnblöcke sind langweilig und verschlimmern das Stadtbild, ohne dabei irgendwelche kulturellen Anreize zu bieten. Die Stadt verliert mit solch rohen Räumen zunehmend ihren früheren, warmherzigen Gemeinschaftscharakter. Die Möglichkeiten sind groß, die Ideen klein. Wir gehen genau die Irrwege, vor denen Leopold Kohr uns so eindringlich warnt, indem wir die Mobilitätslüge ignorieren und einfach alles leichtgläubig hinnehmen. Wenn solche Bauwerke ein Abbild des menschlichen Zeitgeistes sind, dann sehe ich darin die stupide, unkreative Folgsamkeit sowie das übertriebene Sicherheitsdenken, welche sich ebenso im 08/15 Sporttreiben widerspiegeln. Die 90er sind vorbei! Wir sollten uns endlich etwas zutrauen, denn in uns steckt so verdammt viel mehr. Ich erblicke so viel mehr Potential in den Menschen. Wie Tyler Durden in Fightclub sagte, verbringt gerade eine ganze Generation damit, Tische abzuräumen, am Tresen zu stehen, als Schreibtischsklaven zu ackern, Kunden am Telefon zu bequatschen – vollrichtet Arbeit, die sie nicht mag und kauft Mist, den sie nicht braucht… Dabei brauchen wir weder Autos, noch Follower, um glücklich zu sein. Wir können bereits im Kleinen die Stadt selbst verändern Stichwort: Urban Gardening. Warum beginnen wir nicht jetzt schon damit, die Zukunft einmal von vornherein sinnvoll zu gestalten? Dazu müssen wir vom Ende her denken. Wie möchtest du in 30 Jahren leben? Oder noch besser: Wie sollen unsere Kinder in 30 Jahren leben? Sie sollen doch leben oder sollen sie nur dienen?

Auto recycle

Mobilität muss attrativ sein!

Statt den Nah- und Fernverkehr totzusparen, sollte alles so attraktiv wie möglich gestaltet werden. Bislang wurde in die öffentliche Mobilität nur spärlich investiert, sodass Busse und Bahnen das Nötigste an Fahrfreundlichkeit aufweisen. Es gibt lediglich Fenster und enge Sitzmöglichkeiten. Um anspruchsvolle Menschen vom Auto hin zum öffentlichen Verkehr zu locken, bedarf es mehr Originalität als bislang. Es gilt, zwei wichtige Mehraufwände für Kunden zu kompensieren: Erstens die längere Reisedauer und zweitens der erschwerte Gepäcktransport. Ein Auto vor der Haustür ist hinsichtlich dieser Punkte auf dem ersten Blick bei weitem hilfreicher. Nur ein unterhaltsames Erlebnis, überraschend guter Service und überzeugendes Preis-Leistungsverhältnis kann das toppen! Die Frechheit der heutigen Bahn besteht in der minderwertigen Zweiklassenspaltung. Wobei die Sitze der ersten Klasse mindestens auch für den herkömmlichen Fahrgast gelten sollten. Die Klassen müssten sich in hochkarätigen Merkmalen unterscheiden und nicht im Sitzkomfort, denn dieser bildet die Basis des Reisens per se. Hierin einen Unterschied zu machen, verprellt jeden Fahrgast. Die Sitze aller Klassen müssten gemütlicher und ergonomischer geformt sein. Der Service sollte eindrucksvoller in Erscheinung treten und die Fahrgäste mit theatralischer Höflichkeit sowie Unterhaltung zum Staunen bringen. Das Personal muss also Schauspielunterricht erhalten. Wie wäre es außerdem mit einer gesunden und kreativen Saftbar sowie wechselnden Kunstausstellungen? Kunstaustellungen bemängeln doch die fehlende Aufmerksamkeit, daher sollten sie zum Kunden kommen, wenn der Kunde nicht mehr zu ihnen kommt. Auch die Getränke- und Snackautomaten haben ihr Verfallsdatum längst überschritten, merkt das denn keiner? Neben einer Saftbar könnten in Zügen neue Lebensmittel angeboten werden, die es noch nicht in die Supermarktregale geschafft haben. Deren Neuheitswert wird immer wieder für Überraschungen sorgen. Der Sanitärbereich sollte auch auf kürzeren Strecken verbessert werden. Die Kosten dafür sind im Verhältnis zum Eindruck, den eine moderne Toilette hinerlässt, so gering, dass es einem Witz gleicht, warum die Bahn hier noch nicht reinvestiert hat. Je neuwertiger Sanitäreinrichtungen sind, desto vorsichtiger gehen Kunden damit um. Der Vorteil gegenüber der Autofahrt ist darin begründet, dass ich in Bus und Bahn Dinge tue, die ich im Auto nicht erledigen kann. Ich müsste in der Bahn also etwas machen, was mich nach einer vermeintlichen Autofahrt Zeit kostet. Wie wäre es mit einer Dusche im Sanitärbereich? Warum gibt es keine Friseure in der Bahn? Wie wäre es mit einem Minimarkt, damit ich für den Reisetag den Einkauf schon während der Fahrt erledigen kann? Wie wir sehen, sind die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Im öffentlichen Verkehr mangelt es an Visionen. Außerdem fehlt es dort im Gegensatz zur Automobilindustrie am überzeugenden Marketing. Der Konkurrenzkampf ist so asymmetrisch, dass ich den Öffis eine Verantwortungslosigkeit unterstelle oder dieses Missverhältnis gewollt herbeigeführt wurde. Stelle dir ein Überraschungskonzert in einem Bahnabteil oder Stadtbus mit der Band deines Wunsches vor! Das wäre Guerilla-Marketing, von dem die Automobilindustrie nur träumen könnte. Kannst du dir vorstellen, dass uns ein Haufen Scheiße als Gold und wahres Gold als ein Haufen Scheiße verkauft wird? Wunderbar, dann hast du die Mobilitätslüge nun auch verstanden.

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